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Lycos Europe - Das Ende einer Internet-Legende

Wie das Unternehmen am 26. November 2008 bereits ankündigte, wurden die Geschäftsaktivitäten der Lycos Europe GmbH zum 15. Februar 2009 eingestellt. Lycos wurde in Einzelteile zerlegt und verkauft. Was keinen Käufer fand, das wurde kurzerhand beendet. So wurde z.B. die Portalseite mit ihrem gesamten Contentbereich im Laufe des 15.2.2009 vom Netz genommen und Ende. Die Wissens-Community "Lycos IQ" wurde von der Burda-Gruppe gekauft und ist jetzt unter www.cosmiq.de zu erreichen. Die kostenlosen Lycos-Email-Konten wurden zum 15.02.2009 beendet. Lycos-Mail-Kunden wurden angehalten, sich einen neuen Email-Provider zu suchen.

Lycos/Tripod

Tripod-Kunden (wie ich selbst) bekamen eine Mail, in der die Kündigung des Tripod-Accounts mit Wirkung zum 15.02.2009 ausgesprochen wurde. Am 13. Februar kam dann aber eine weitere Mail: Der Betrieb des Tripod-Dienstes wird durch einen anderen Anbieter fortgeführt. Damit verbunden ist aber ein Wechsel des Rechenzentrums, wodurch die Homepages für kurze Zeit nicht erreichbar sein werden. Außerdem wird die Domain "mitglied.lycos.de" durch die Domain des neuen Eigentümers ersetzt. Auf der alten Domain wird es aber eine Weiterleitung geben, so dass Google-Anfragen nicht sofort total ins Nirwana führen.

Wer also nicht schon gehandelt und sein Account gelöscht hatte, der wartete einfach ab und wurde automatisch Kunde des neuen Anbieters: Multimania.de "mitglied.lycos.de" wurde also "mitglied.multimania.de".

Lycos Webhosting

Auch zahlende Webhosting-Kunden wurden weitgehend automatisch an andere Provider weitergegeben. Lycos und der Berliner Webhoster STRATO z.B. hatten eine 'halbautomatische' Übernahme von Kunden vereinbart. Dabei wurden die Daten ohne lästige KK-Anträge einfach ins STRATO-Account übertragen. Das gilt auch für die Email-Konten, allerdings ohne deren Inhalte. Die musste man ggf. auf den eigenen PC herunterladen und sichern.

Shop-Kunden bekamen noch etwas mehr Luxus und wurden vollautomatisch von Lycos zu STRATO umgezogen, inklusive Shop-Datenbanken.

STRATO begrüßte die "Zwangswechsler" mit diversen Rabatten und Extrafeatures. Wem das nicht reichte, dem wurde ein Sonderkündigungsrecht eingeräumt.

Apropos Kündigung: Mit der Schließung des Geschäftsfeldes Webhosting und des Internet-Portals verloren rund 500 Lycos-Mitarbeiter ihren Job. Davon ca. 230 bei Lycos in Gütersloh. Das erinnert mich irgendwie an die Zeit, als ich selbst meinen Arbeitsplatz bei NXP in Böblingen verlor. Bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz will Lycos seine Mitarbeiter “aktiv unterstützen”. Mehr Details siehe bei deutsche-startups.de: "Lycos Europe gibt auf"
 

Die Geschichte von Lycos

(Aktualisiert am 09.07.2013)

Lycos - was war das eigentlich?
Wie konnte es so weit kommen?
Und ist "Lycos.com" heute tatsächlich der Nachfolger bzw. das Original?

Alte Internet-Hasen kennen "Lycos" eigentlich schon seit den Anfängen des WWW in Deutschland. Es handelte sich dabei um eine der ersten WWW-Suchmaschinen und für kurze Zeit war Lycos.com die mit Abstand meistbesuchte Webseite der Welt.

Lycos war ursprünglich das Ergebnis einer Forschungsarbeit des Teams um Dr. Michael Loren Mauldin im Center for Machine Translation an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, PA, USA. Er und sein Team entwickelten den ersten linkverfolgenden Robot. Also eine moderne Suchmaschine, die sich selbsttätig durch die Webseiten hangelte und dabei einen Suchindex anlegte. Außerdem wurde bereits versucht, die weniger relevanten Stichworte auszusortieren, um die Qualität der Suchergebnisse zu optimieren.

Schwarzer Labrador, genau wie der Lycos-HundDie Entwicklung der Software begann im Mai 1994. Im August 1994 ging die Suchmaschine online und der Suchdienst Lycos wurde offiziell gegründet. Den Namen "Lycos" wählte Dr. Mauldin in Anlehnung an eine bestimmte Spinnenart, nämlich die Wolfsspinne (lat.: Lycosoidea). Gleichzeitig prägten er und sein Team auch die Bezeichnung "Spider" für linkverfolgende Suchprogramme. Verbreitet ist auch die Meinung, "Lycos" sei der Name des Hundes, den Lycos einige Zeit quasi als Wappentier und Maskottchen verwendete. Das stimmt aber nicht. Der schwarze Labrador kam ja auch erst viel später hinzu.

Während seiner Entwicklung hatte der Lycos-Spider bereits rund 390.000 HTML-Dokumente eingesammelt und in seinen Index übernommen. Bis Anfang 1995 war der Index dann auf 1,5 Millionen Einträge angewachsen. Und im November 1995 gab das Lycos-Team stolz bekannt, dass der Index die Adressen von sage und schreibe 60 Millionen Web-Dokumenten enthielt.

Die Suchmaschinen zu dieser Zeit waren noch sehr primitiv und gaben nur die URL eines Treffers und vielleicht auch den Seitentitel aus. Bei Lycos konnte man erstmals auch eine kurze Beschreibungen - sog. "Outlines" lesen. Außerdem gab es einen "Match Score". Dieser gab den Grad der Übereinstimmung mit dem gewünschten Ergebnis an und rückte weniger relevante Treffer weiter nach hinten.

1995 begann Dr. Mauldin die Vermarktung seiner Suchmaschine und gründete eine Firma namens CMGI@Ventures. Die Carnegie Mellon University lizenzierte die Software für diese Firma und unterstützt sie auch einige Zeit. Im Laufe der Jahre wandelte sich die Suchmaschine aber immer mehr zu einem Portal mit vielen Features, während die eigentliche Suchfunktion immer mehr in den Hintergrund trat. Dem Gründer und Suchmaschinenentwickler Dr. Mauldin gefiel das nicht. Und als seine Vermarktungsstrategen mal wieder nicht auf ihn hören wollten, verließ er erbost die Firma. Das war 1998.

Das Geschäft mit dem Internet boomte und die Firma wuchs gewaltig an und wurde zu einem Milliardengeschäft. Im April/Mai 2000 kaufte sich der spanische Telefonica-Ableger Terra Networks für ungelogen 12,5 Milliarden Dollar bei Lycos ein. Außerdem beteiligte sich auch der deutsche Medienriese Bertelsmann an dem Joint Venture. In dieser Zeit war Lycos das am drittstärksten (zeitweise sogar das am meisten) besuchte Internetportal in den USA und genoss auch auf den Finanzmärkten großes Ansehen, sowohl in den USA als auch in Asien und in Europa. Zusammen mit Terra Networks wollte man den Anschluss an die große Konkurrenz finden: MSN, AOL, Yahoo! Hier war der Höhepunkt in der Geschichte von Lycos erreicht.

Als "Lycos Europe" an die Börse ging, erwischte man damit genau das Ende der großen Online-Aktienhausse. Die Lycos Europe Aktie begann bei 24 Euro und gleich schon am Ausgabetag verlor sie 1,25 Euro. In den Jahren darauf viel der Kurs immer tiefer. Gleichzeitig beendete die Suchmaschine Google ihre Testphase und wurde in kürzester Zeit zur beliebtesten Suchmaschine. Sie entzog allen übrigen Suchmaschinen und Webkatalogen ganz gewaltig die Besucher. Den Rest vom Kuchen teilte sich Lycos mit den bereits oben genannten Konkurrenten.

Die inzwischen weniger fortschrittliche und schlecht gepflegte Lycos-Suche wurde immer unwichtiger. Man verlegte sich aufs Portal-Geschäft. Aber die Besucherzahlen sanken und die Werbepartner wollten nicht mehr so viel zahlen oder sprangen ganz ab. Der Aktienkurs von Lycos Europe sank rapide und im Jahre 2002 bekam man nur noch schlappe 50 Cent für eine Lycos-Aktie. - Tendenz weiterhin fallend!

Schließlich gab man den eigenen, veralteten Webcrawler ganz auf und arbeitete mit anderen Suchmaschinen zusammen. Das Suchergebnis verbesserte sich dadurch erheblich, aber mit Google konnte man auf diesem Sektor trotzdem nicht mithalten. Also suchte das Lycos-Management nach neuen Märkten und baute immer neue Funktionen in das Lycos-Portal ein. Außerdem kaufte sich Lycos Europe bei allerlei Mitbewerbern ein oder übernahm diese sogar. Im Januar 2004 übernahm Lycos Europe z.B. die United-Domains AG. Hinzu kam Tripod, der Webhostingservice für kostenlose Homepages. Lycos wurde zum Multikulti-Portal mit Newsportal, Information und Unterhaltung inklusive Erotik, Chat und Flirtsystem, Shopping-Portal und natürlich noch mit Webkatalog und Websuche. Außerdem betätigte sich Lycos Europe als Email und Webspaceprovider inklusive Domains. Ein Online-Gemischtwarenhandel allererster Güte, der mit viel Personaleinsatz gepflegt sein wollte! Allein es fehlten die Besucher, so dass die so wichtigen Werbeeinnahmen weiterhin in den Keller gingen.
 

Lycom.com, die US-Tochter (Lycos-USA) des spanischen Internetproviders Terra Networks, wurde im Juli 2004 an Südkoreas größten Online-Portalbetreiber Daum Communications verkauft, der es Reorganisierte und wieder lukrativ machte. Und im August 2010 nahm sich Ybrant Digital für 36 Mio Dollar des Labels an.

Lycos ist noch immer eine der meistbesuchten Webseiten weltweit. Das Lycos-Network umfasst derzeit Gamesville.com, Tripod.com, Angelfire.com, und natürlich Lycos.com, sowie auch HotBot.com. Im Angebot sind u.a. wieder Suchmaschine, Email, Chat, Webhosting (Tripod), Websitebuilder und Domains, Onlinespiele, Wetter, News und Unterhaltung sowie eine Youtube-Schnittstelle und "Whowhere yellow pages". Ybrants Lycom.com, das sich noch heute bester Gesundheit erfreut, kann also mit Fug und Recht von sich behaupten, das Original-Lycos zu sein.  -  Ach ja, unter www.lycos.de ist auch wieder die deutsche Fassung erreichbar.
 

Lycos-Europe (Terra-Lycos) wurde im Februar 2005 vom spanischen Telefónica Konzern übernommen. Somit war die Telefónica nun der größte Hauptaktionär mit rund einem drittel der Anteile. Firma Bertelsmann hielt noch ca. 20 Prozent und Christoph Mohn persönlich hatte 12 Prozent. Das restliche starke Drittel teilten sich die Kleinaktionäre. Mit der Mitteilung zum Jahresende 2008, dass Lycos-Europe geschlossen wird, sank der Wert der Aktie auf nahezu Null. Im Laufe der ersten Januar-Wochen 2009 stieg der Wert wieder an auf 17 Cent. Hier sahen einige ganz gewitzte Aktien-Spekulanten noch einmal die Chance auf ein paar schnelle Euros.

Nachdem man aber keinen Käufer für Lycos Europe gefunden hatte, wurde das Unternehmen nun in kleine Happen zerlegt und diese dann verkauft oder einfach geschlossen. Das Domaingeschäft z.B. (über 1 Million Domains) ging für 34 Millionen Euro an die United-Internet-Gruppe. Die Free-Email-Accounts einschließlich der kostenlosen Tripod-Homepages fanden in letzter Minute einen Käufer, die Conversis GmbH. Von den liquiden Mitten wurden 50 Mio. Euro an die Aktionäre ausgeschüttet.

Das war das traurige Ende des Europäischen Ablegers einer der ersten und erfolgreichsten Internetfirmen. Die zugleich einsetzende allgemeine Wirtschaftskrise trägt daran übrigens gar keine Schuld.
 

Weblinks und Quellen

 


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